Romy in Norwegen

Dort, wo nicht mal mehr der Pfeffer wächst...
 

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Barilla skandinavisch in der Villa Kunterbunt

Wort des Tages: ferdigsmørt (fertiggeschmiert - gelesen auf dem Wasa-Frischkäse-Sandwich)

Eben habe ich irgendwas Süßes gesucht. Die Lüdkes haben einen Schrank, der vollgestopft mit Sjokolade & Co. ist, also tödlich für mich. Ich sollte da ein Schloss anbringen für mich. Jedenfalls habe ich mich für eine Tüte Popcorn entschieden, nicht so ganz kaloriengeladen (hatte ja heute schon wieder nen halben Würfel Braunkäse zum Frühstück). Was sich dann schließlich als ganz böse Fehlentscheidung herausstellte, nämlich: Norwegisches Popcorn birgt dasselbe ungenießbare Drama wie in Italien für mich: Es ist gesalzen. Pfui. Wie kann man so was essen? Ich habe vorhin Freunden erzählt, dass wir in Deutschland nur Zuckerpopcorn haben und das finden die wiederum unglaublich skandalös.

So, nun hab ich also die Kids in den barnehage (Kindergarten) gebracht, eben fix durchgesaugt hier, die Wäsche aufgehängt (wenn meine Mutter das jetzt sehen könnte&hellip, den Müll rausgebracht und liege nun auf dem Sofa. Später darf ich Lachs-Pesto-Penne nach Rezept kochen. Freu ich mich drauf. Barilla skandinavisch, so was geht, wer hätte das gedacht. Meine italienische Oma würde im Quadrat springen.

Yeah, am Sonntag kommt auf RTL die Free-TV-Premiere von Ein gutes Jahr. Ich liebe den Film. Muss ich sehen.

Was ich außerdem gerne schaue, ist Nytt på Nytt auf NRK1. Das ist so ein typischer lustiger Late-Night-Showtalk mit wechselnden Themen. Hierzu gibt‘s auf YouTube ein schönes Video, in dem Moderator Jon Almaas einen minutenlangen Lachkrampf bekommt, auch ohne Norwegischkenntnisse spaßig anzusehen (und mein Tantchen wollte ja eh gern mal die Sprache hören):

Für die Insider: Gestern Abend kam dann noch eine überraschende Nachricht von einem Bekannten in Tønsberg, der mit einer dicken Entschuldigung ins Haus fiel und irgendwie hab ich nun doch eingewilligt, sich irgendwann mal für nen Kaffee zu treffen, wenn Besagter wieder mal in Skien ist. Irgendwie ist das ein hoffnungsloses Thema. Wie auch immer, meinen Standpunkt vertrete ich nach wie vor und das bleibt auch so, also keine Panik. (Wirklich jetzt!)

Wo wir grade beim Thema Tønsberg sind, das ist eine Stadt auf halber Strecke zwischen Skien und Oslo. Dort sitzt außerdem noch ein deutsches Au Pair, Veronika, mit der ich in Kontakt stehe und vielleicht schaffen wir es ja mal, uns gegenseitig zu besuchen und mal ne andere Stadt zu sehen. Vielleicht fahre ich im September mal hin.

Skien ist eigentlich teilweise so ein kleines Ghetto. Die Kriminalitätsrate ist hier nicht so ganz ohne, es gibt Drogendealer, es gibt Gewaltverbrechen und besonders viele Einbrüche. Glaubt man gar nicht, wenn man tagsüber so durch die Stadt schlendert, die Stadt ist hell und grün, aber es gibt wohl genügend Bekloppte hier (und Mama dreht jetzt wahrscheinlich am Rad, wenn sie das hier liest). Ich höre jedenfalls oft die Polizeisirene draußen (klingt wie in den USA, klasse!).

Aber dafür ist die Hygiene in Norwegen wirklich beachtenswert. Ich glaube ja, Europa wird immer sauberer, je weiter man gen Norden kommt. Man findet hier weder Zigarettenkippen noch Kaugummipapier auf der Straße, alles ist gepflegt, Toiletten sind generell fast überall sauber - die Norweger sind wohl ein sehr reinliches Völkchen. Respekt. Bei uns liegt bei weitem mehr Müll auf der Straße herum.

Jetzt sehe ich im TV Pippi Langstrømp auf Norwegisch. Ja, da kommt im Holzhäuschen das richtige Feeling auf! Na gut, ist zwar schwedisch, aber wenn man sich so ein paar Lindgren-Bücher mal wieder durchliest, ist das alles hier schon sehr ähnlich, auch kulturell und die Umgebung. Die Kinder wachsen also auch hier mit Bullerbü & Co. auf. Nostalgisch und ein bisschen kitschig ist das, aber ich liebe halt diese ganze Lebensweise hier. Und sprachlich sowieso, die zwei Sprachen liegen ja quasi in Relation zueinander wie Deutsch ungefähr zu Schweizerdeutsch. Wobei ich meinem guten, vor schwedischem Nationalstolz platzendem Freund Oliver Lindquist in Stockholm oft genug entgegnet habe, dass Norwegisch trotzdem ein bisschen schöner ist. ;-)

So, jetzt geh ich Pasta kochen und dann raus in die Sonne, in den grünen Garten hinter unserem Häuschen. Wir könnten das eigentlich auch bunt anstreichen, wäre sicher hübsch.

Drei mal drei macht sechs, widewidewitt und drei macht neune…

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Romy

18.8.09 20:34, kommentieren

Pseudo-Mandarinen

So, heute also der erste richtige Tag, an dem der blaue Sonnenschein-Himmel schon mal für die absolut unchristliche Uhrzeit entschädigt hat.  Viertel vor sieben, Jogginganzug an und ab in die Küche. Da erstmal Kaffee, sonst geht bei mir gar nichts. Und die TA. Das ist hier das Regional-Käseblatt. Steht natürlich auch wie bei uns allerhand Schrott drin, aber interessant ist die Event-Beilage. Marit Larsen gibt am 27. September ein Konzert in Skien. Da will ich hin.  (Trotzdem habt ihr mit 350 Kronen, knapp 40 €, den Arsch offen).

Mein Tagesablauf sah bisher so aus:

Um halb Acht verließ Tonje das Haus, Marlene um Neun, die zwei Kleinen haben noch bis Mittwoch frei. Also bin ich das Entertaining-Programm. Nach einem mehr schlecht als rechten Weg mit einem Dreirad zum Anschieben („LINKS, Emma! Nein, LINKS, på VENSTRE, nicht rechts!“) zum heißgeliebten Spielplatz (der lediglich aus einem meterhohen ungemähten Rasen mit zwei Schaukeln besteht), ging es weiter zur Freundin von Leonie. Diese wohnt ebenfalls in einem Holzhäuschen um die Ecke und ist ein so dermaßen hübsches Mädchen, dass ich sie irgendwann noch fotografieren will. In 10 Jahren ist die eine Granate. Überhaupt habe ich hier noch keine hässlichen Kinder gesehen. Norwegen ist das Land der schönen Menschen, sagt man. Stimmt.

Da also die Kids abgeladen und ich bin erstmal nach Hause, kurz mit dem Staubsauger die Sauerei unter dem Esstisch entfernt und dann mit Kaffee (pro Tag 4 Tassen, fällt mir grade auf - ich sollte mal langsam meinen Koffeinkonsum runterschrauben&hellip und einem Tubenkaviarbrot (das Zeug hab ich ja zuhause schon ohne Ende gegessen. Gibt‘s bei uns nur bei IKEA, aber der hier ist um einiges besser) vor den TV gefläzt. RTL, Punkt 12. Ah, herrlich, wie zuhause.

Keine halbe Stunde später klingelt es wieder. Leonie und Emma. Es war zu langweilig, lieber hier spielen. Aber erstmal vil jeg gjerne ha eine Mandarine. Das wäre kein Problem an sich, nur sehe ich hier keine Mandarinen, sondern nur Apfelsinen. Das erkläre ich ihr und bekomme als Antwort „Bei uns heißen die Mandarinen.“ Ach so?  Mich würde jetzt interessieren, wie man denn dann die orangenen Dinger hier nennt. Äpfel? Wie auch immer, Leonie besteht also darauf, dass ich ihr bitte die Mandarine (das ist eine Apfelsine und damit basta!) schneide. Gerne. Auch die zweite. Auch die dritte. Nach der vierten reicht es mir allerdings und ich sage Nei, sonst wird die Kleine noch irgendwann kugelrund, wenn ich ihr so viel zuckerreiches Obst gebe und dann bin ich schuld.

Unter dem Esstisch schaut es jetzt aus wie nach einer Fruchtexplosion. Wofür habe ich vorhin eigentlich gesaugt?

Also das ganze noch mal von vorne mit dem Wischmob. Geduld, Geduld.

Nach diesem fruktalen Desaster setze ich die zwei erstmal vor ein Blatt Papier, hole Stifte und bitte sie, mir etwas zu malen. Damit sind sie beschäftigt und ich kann mich um anderes kümmern. Prima.

Was habe ich heute noch vor? Wenn der Laden noch offen hat, wollte ich nach dem Abendessen zu H&M und nach einer Winterjacke schauen, auf jeden Fall noch bei Lene oder bei Hans vorbeischauen (letzterer wohnt allerdings auf dem Bratsberg - das ist der Hausberg der Stadt - und da lauf ich nicht mehr so gerne hoch, das hab ich damals im Winter schon zu oft gemacht und außerdem ist seine Hütte noch weiter, ziemlich JWD in der Pampa). Und Gudbrandsdalsost muss ich noch kaufen gehen. Toll, ich seh mich schon als Tonne heimkehren. Wofür hast du dein ganzes Geld denn in Norwegen ausgegeben?, werden sie zuhause fragen. Und ich werde antworten: Für Braunkäse.

Sinnvolle Investition.

Das war‘s erstmal für heute. Vielleicht gibt's morgen schon ein paar Bilder, werd mich die Tage mal um ein paar Ansichten für euch kümmern.

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Romy

5 Kommentare 17.8.09 15:03, kommentieren

Gudbrandsdalsost forever - oder ein enttäuschendes Kvikk Lunsj

Ich wette, ihr habt länger als drei Sekunden gebraucht, um das erste Wort überhaupt zu lesen und für die Aussprache bräuchtet ihr wahrscheinlich noch mal so lange. (Güd-brans-dals-ust). Was ist das überhaupt?

Die Rede ist von norwegischem Braunkäse. Das erste Mal hat mir Hans vor ein paar Monaten davon erzählt, der konsumiert das Zeug nämlich schon fast im Drogenmaß. Und das sieht so aus:

…Ja, genau das hab ich auch gedacht.

Ich hab mir auch erklären lassen, warum dieser seltsame, glattglitschige Würfel, der eine schon fast vulgär braune Farbe hat, überhaupt so aussieht. Die Milch wird so lange gekocht, bis sie dunkel wird, bzw. der Milchzucker karamellisiert. Daher auch der süße Geschmack, denn Gudbrandsdalsost schmeckt nach Karamell. Kein Scherz, aber das klang so abartig ekelhaft, dass ich das unbedingt probieren musste.

Von Tonje weiß ich auch, die Norweger hassen ihn entweder oder sie lieben ihn, dazwischen gibt es nichts. Und ich wäre das erste Au Pair (ich bin Nr. 4), die das Zeug nicht ausspucken würde.

Also bin ich zum Meny getigert und hab mir so ein Würfelchen im Maß 10x10 cm gekauft. Gibt’s auch in XXL, aber man muss ja sein Schicksal nicht unnötig herausfordern. Nachdem ich also eine millimeterdünne Schicht abgeschabt und auf einer Scheibe Brot probiert hatte, hab ich erstmal ein paar Sekunden gebraucht, aber dann ging’s los: Ich hab fast den ganzen Würfel vernichtet.

Ich weiß nicht, ob meine Geschmacksnerven zu abgehärtet sind, aber ich hab eine neue Sucht entdeckt. Sollte meiner Familie mal so einen runterschicken, aber ich bin mir fast sicher, dass den keiner essen würde.

Ich jedenfalls war eben noch mal am Kühlschrank, es ist fast Mitternacht und ich musste unbedingt noch ein Stück haben. Jetzt haben wir keinen mehr. Muss ich morgen noch mal in den Supermarkt. Bitte Platz machen im Kühlschrank, das wird ausarten.

Heute Nachmittag kam dann doch mal die Sonne raus, aber ohne Jacke ging es dann doch nur auf der Terrasse mit einem heißen Kaffee in der Hand. Der Wind ist wirklich arschkalt, aber interessanterweise scheint mir Frank der Abgehärtetere von den beiden zu sein - obwohl Tonje hier die Norwegerin ist. Der saß nämlich im ACDC-T-Shirt auf seinem Liegestuhl, während seine weitaus windempfindlichere Frau in Helly-Hansen-Montur wie ein Michelinmännchen aussah. Darüber hat er gelacht und überhaupt, seine Frau würde ja (O-Ton) bei einem Furz schon einen Orkan ankündigen.

Ansonsten hat mich heute mein guter Freund Christian aus der Nachbarstadt Porsgrunn (sprich Poschgrünn, die nahtlos in Skien übergeht) mit zwei weiteren Kumpanen abgeholt und wir sind am Spätnachmittag nach Larvik gefahren. Larvik ist eine schöne Küstenstadt ca. 20 Minuten östlich von hier. Auch die Fähre aus Kiel kommt dort an.

Schön waren auch die Nachnamen der drei Jungs: Andersen, Kristensen, Johannsen. Ich glaube, ich passe hier gut ins Bild.

Um noch mal auf das Essen zurückzukommen, bin ich bisher glücklich und zufrieden mit der skandinavischen Küche. Am ersten Tag gab es Fiskeboller (Fischbuletten aus Lachs oder Steinbeißer - hammermäßig gut) mit Sandefjord-Butter (hart gekochtes Ei mit Knoblauch in flüssiger Butter - genial, macht das mal nach!) und heute Kjøttboller (Ihr dürftet die schwedische Version von Ikea kennen) mit Tyttebær. Das ist nicht wie man vermuten könnte, ein Bär mit ausgeprägter Brust, sondern sind Preiselbeeren. Ich liebe das Essen hier.

Bis jetzt liebe ich hier generell alles und verstehe voll und ganz, wenn so viele Deutsche hierhin auswandern. Ist wohl auch Geschmackssache, aber ich hab mit Norwegen auch kulturmäßig auf jeden Fall mein Land gefunden und könnte mir wirklich selbst vorstellen, irgendwann hier zu leben. Aber soweit denken wir erstmal noch nicht, jetzt liegt erstmal dieses schöne Jahr vor mir, von dem ich jetzt schon weiß, dass es wohl viel zu schnell vorbeigehen wird.  Aber die anderen vier deutschen Mädels hier in der Stadt sind alle nach einem ursprünglichen Au Pair-Jahr früher oder später wiedergekommen und leben jetzt hier. Soviel also dazu.

Vorhin war ich noch kurz bei Lene und auf dem Heimweg fix an der Statoil - praktisch, ich wohne direkt neben einer Tankstelle - und hab mir mal testweise einen Schokoriegel namens Kvikk Lunsj gekauft. Der schmeckt allerdings exakt wie unser deutsches Kit-Kat und sieht auch so aus. Doof. Würde mich nicht wundern, wenn das derselbe Hersteller ist. Aber gibt ja noch viel zu probieren hier.

Ich werde die nächste Zeit wohl noch öfters in die Tankstelle gehen, sind ja nur ein paar Meter. Nicht zuletzt arbeitet da ein außergewöhnlich hübscher Kerl (Irgendwie ist das langsam eine komische Geschichte mit meinen Tankstellen-Norwegern und alleine deswegen lohnt sich der tägliche Einkauf da schon. Hach ja. Gucken darf man ja noch. Jetzt geht’s auf jeden Fall in mein kuscheliges Holzbettchen. Morgen geht der Alltag los, die Ferien sind zu Ende. Schau mer mal, was das wird - ich bin gespannt.

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Romy

1 Kommentar 16.8.09 00:47, kommentieren

Første dag!

Da wachst du nach einer schon lange nicht mehr so angenehm ruhigen Nacht auf, schwingst dich voller Elan aus dem knarrenden Holzbettchen und reißt die Vorhänge voller Vorfreude auf den ersten Tag auf.

Und es schifft aus Eimern. Willkommen in Norwegen.

Das Wasser rann eimerweise in Bächen die Straße runter und war mehr als zum Davonlaufen, aber ich hab gegen Nachmittag dann doch mal nen Fuß vor die Tür gesetzt, um meinen obligatorischen Rundgang zu machen. Erster Gedanke: Scheiße, ist das kalt.  Also noch mal rein und Pullover, Mantel und Stiefel an. Hm. Immer noch kalt. 8 Grad. Mein Schirm hat sich nach 5 Minuten in eine Tulpe verwandelt. Hallo Sommer. So macht der August doch gleich richtig Spaß.

Jedenfalls war es am Abend dann auf unerklärliche Weise doch einige Grad wärmer - aha, Regen und Wind machen doch sehr viel aus! - und ich bin mit meiner halbnorwegischen Freundin Lene (wohnt nur ein paar Meter entfernt und ist ebenfalls hochgezogen, weil ihr Deutschland sonstwo stand) losgezogen. In der Stadt dann zwei norwegische Freunde von mir getroffen, Hans und Kenneth, und dann ging’s ab zu Tante Sofie (ein Großraum-Pub. Davon gibt‘s hier dann doch recht viele).

In Norwegen ist das nicht so ohne mit dem Alkohol, aber das ist allgemein bekannt. Hier wird um einiges mehr gesoffen als in Deutschland. Trotz Verbot des Alkoholkonsums auf offener Straße und trotz des Mindestalters von 20 Jahren in den meisten Bars. Hier also eine kleine Lektion zum norwegischen Helgefyll (Wochenend-Suff):

Der Abend beginnt mit einem Vorspiel, bei dem erstmal privat vorgeglüht wird. Und wenn dann alle Teilnehmer einen bereits grenzwertig hohen Promillepegel haben, geht es - vorausgesetzt, man kann noch gehen - schließlich in die Stadt. Da wird heiter weiterkonsumiert und der Abend endet schließlich irgendwann wieder privat mit einem Nachspiel, wo - welch Überraschung - noch mal eine Ladung Schnäpse gekippt werden. Strebt man nach seiner Rückkehr nach Deutschland nicht gerade einen direkt anschließenden Aufenthalt in einer Entzugsklinik an, wäre es ratsam, sich hier also etwas zurückzuhalten.  Denn hier könnte selbst ein erfahrener deutscher Trinker kaum mithalten.

Ich hab dann im Laufe des Abends noch Steffen, Marius und Aleksander kennengelernt. Man kennt sich ja von Facebook. (Ja ja, die Welt wächst zusammen.) Die Herren kannten mich allerdings noch über eine andere Geschichte eines gemeinsamen Freunds, mit dem ich aus vielerlei Gründen keinen Kontakt mehr pflege. (Lustig irgendwie, wenn man bedenkt, dass ich durch den guten Mann erst überhaupt im Oktober nach Norwegen gefunden habe. Sollte also dankbar sein dafür. ) Und ich habe herausgefunden: Skandinavisches Bier (Hansen?) schmeckt gar nicht so schlecht. Nur beim Preis vergeht einem der Durst recht schnell, also besser nicht auf die Karte gucken, sondern einfach bestellen, brav seine knappen 8 Euro blechen und gut ist.

Ja, Norwegen ist teuer, sehr teuer sogar. Man muss hier haushalten mit dem Geld, aber man kommt gut aus damit. Ich weiß von gewissen Leuten, die in einer Tankstelle gejobbt haben und in der Woche bis zu umgerechnet 700 € eingefahren haben. Da kann man dann doch schon mal neidisch werden.

Mit der Sprache hab ich ja, seit ich das letzte Mal hier war, enorme Fortschritte gemacht. Selbst merkt man das gar nicht so, vor allem, weil ich nicht aktiv gelernt hab, sondern einfach nur über Medien, sprich Radio, Fernsehen, Zeitung und über Freunde das meiste aufgegriffen habe. Aber ich kann den meisten Unterhaltungen gut folgen und hab heute auch einige Gespräche auf Norwegisch geführt, wenn auch manchmal doch zwischendurch auf Englisch, weil mal wieder eine Vokabel gefehlt hat. Hans war trotzdem stolz auf mich, denn der kennt meine katastrophalen Anfänge. Egal, das muss auf jeden Fall perfektioniert werden, ich hab auch Tonje dazu verdonnert, mit mir ab sofort nur noch Norsk zu sprechen. Wozu bin ich denn bitte hier?

Übrigens sind die meisten norwegischen Männer absolute Gentlemen. Ich wurde von Hans und Kenneth - auch wenn ich mehrmals betont hab, dass das nicht nötig sei und ich gut alleine laufen kann, aber vor allem ersterer hat schon fast mit militärischer Durchsetzungskraft darauf bestanden - etwa einen Kilometer lang nach Hause geleitet. Man lässt ja die Dame nicht alleine im Dunkeln gehen. Nett, so was.

Nun gut, aber mit den beiden bin ich auch schon lange befreundet.

Soviel jedenfalls mal zu heute. Bis jetzt beobachte ich nur sehr viel und sauge alles wie ein Schwamm auf. Ich glaube, da werden in Zukunft noch einige Anekdoten folgen…

Mange hilsen,

Romy

15.8.09 23:52, kommentieren

Norge, jeg er tilbake - Norwegen, hier bin ich wieder ;-)

So, da bin ich nun. Vier Monate ist es her, seitdem ich das letzte Mal hier war. Aber fangen wir doch mal ganz von vorne an, angefangen hat meine Norwegen-Freakerei ja letztes Jahr bei meinem ersten Besuch (ausgelöst durch hier ansässige Freunde - die meisten dürften die inzwischen sehr lange Geschichte ja kennen ). Aber damals im Oktober hatte es Klick gemacht. Schon im Flugzeug. Ich war in Finnland, ich war in Estland, ich weiß, wie der Norden Europas aussieht. Ich bin skandinavien-erprobt. Aber Norwegen war anders, da war beim ersten Besuch eine Verbindung da, die ich bisher nicht hatte. Schlüsselerlebnis, das danach bei mir eine Lawine von norwegischer Popmusik, norwegischem Radio, norwegischer Sprache und allem Pipapo losgetreten hatte.

Ich wollte hier wieder hin. Nicht nach Oslo oder nach Bergen, auch, wenn diese Städte in touristischer Hinsicht vielleicht schöner sind. Ich wollte in dieses Nest, genau diesen einen Au-Pair-Job, den einzigen in der ganzen Stadt, und dieser immense Drang hat mich auch nicht daran gehindert, im März einfach hochzufliegen, hier an der Tür der Familie Lüdke zu klingeln und zu sagen: “Hei, hier bin ich, ich bin euer neues Au Pair.” 45 Bewerbungen - eine hat’s geschafft. Mit Schwarzwälder Schinken, dem Bestechungsgeschenk #1. Ätsch.  Selbst ist die Frau.

Und hier bin ich nun, in Skien (sprich: Scheen), einer typisch norwegischen Kleinstadt. 50.000 Einwohner, Hafen, zwei Stunden westlich von Oslo. Eigentlich kein Ort, an dem Touris Urlaub machen - es sei denn, sie sind Henrik-Ibsen-Fans. (Der war nämlich der berühmteste Sohn der Stadt. Und hat das Theaterstück Peer Gynt gemacht. Gibt auch Musik von Edvard Grieg dazu: Morgenstimmung. Kennt ihr, googelt mal.) Aber ich hab die Stadt ins Herz geschlossen. Skien ist eigentlich ein ganz aktives Örtchen, auch wenn es manchmal wie ein verschlafenes Nest wirkt, vor allem im Winter. Bis auf den Telemarkkanal und das Ibsen-Haus/Museum gibt’s hier nicht viel. Ein kleines Einkaufszentrum mit einem H&M ist hier schon das Highlight. Aber die Norweger sind ein glückliches Völkchen. Die Menschen leben gerne hier, das merkt man ihnen an. Sie sind generell viel naturverbundener als in Deutschland. Das merkt man an den Lebensmitteln, an der Kleidung, an der Musik, an den Nachnamen. Und die Leute sind auch zufriedener als in Deutschland. Das zeigt deren konstant, wirklich konstant, manchmal fast schon zum Kotzen guter Laune (wenn man wirklich einen Scheißtag hat und die Norweger dich trotzdem freudig anstrahlen wie ein Atomkraftwerk, findet man das manchmal nicht so toll) und die Tatsache, dass hier extrem viele Deutsche leben. Was ja irgendwo auch kein Wunder ist, bei unserer Wirtschaft. Die Arbeitslosenquote liegt hier bei 2%, das Leben hier ist schweineteuer, aber man lebt hier trotzdem besser für sein Geld. Soll unsereins erstmal nachmachen. Und jetzt kommt ihr da unten. So. Meine Ankunft jedenfalls war ein Event. Ging ja schon am Düsseldorfer Flughafen los - nein, davor. NATÜRLICH hab ich monatelang Zeit zu packen gehabt und NATÜRLICH hab ich erst 48 Stunden vor der Abreise damit angefangen. Aber 2 Stunden vor Abflug hatte ich schließlich meine 56 kg Gepäck (!) zusammen - nur das Nötigste natürlich - und war schon Angst und Bange vorm Check-In-Schalter, der mir nur 40 kg Freigepäck & 10 kg Handgepäck erlaubte. Ohne Schummeln ging’s da auch nicht, das hieß mein 5-kg-Notebook in die Kingsize-Handtasche und los ging’s. Nur hat das dem ulkigen Zollbeamten an der Röntgenkontrolle, der aussah wie Roberto Blanco, gar nicht gefallen. Also Notebook ein zweites Mal durch den Apparat gejagt. Noch ein drittes Mal, Akku separat. Und noch ein viertes Mal zur Sicherheit. Könnte ja doch sein, dass ne Atombombe drin ist. Man weiß ja nie.

Gegen 22 Uhr bin ich dann in Oslo-Gardermoen gelandet. War auch eine Premiere für mich, da ich sonst immer mit Ryanair - man spart ja, wo man kann - den Regionalflughafen Sandefjord angeflogen bin. Gardermoen hat mich stark an Helsinki erinnert. Das heißt: Feinster dunkler Parkettboden im Flughafengebäude. Sowas gibt’s bei uns nicht. Und da war mein High-Gefühl wieder, als der Landeanflug ankam. Natürlich wie immer stilecht mit Summer Moved On im Ohr, wie beim ersten Mal im Oktober damals. Hätte mein Grinsen Volt, ich hätte Las Vegas beleuchten können. Die Stewards dachten wohl auch, dass die eine in Reihe 20 nicht mehr richtig tickt.

Raus ausm Flughafengebäude, rein ins warme Auto. Familienvater Frank, Tiefbauingenieur in Oslo und extremer ACDC-Fan, hat mich abgeholt. 2 Stunden Heimfahrt über Drammen, Kongsberg, die Serpentinenstrecke runter durch den Wald bis nach Skien. Aber Frank fährt normalerweise Motorrad und so ist er gern mal die Serpentinen mit 140 Sachen durchkurvt. Auch auf der Gegenfahrbahn. Aber in Norwegen fahren sowieso alle wie die gesengte Sau, hier gibt’s auch mehrere Irre, die mit Tempo 100 die Hauptstraße entlang rasen. Jetzt auch wieder, hört man draußen auf der Straße. Die spinnen, die Wikinger.

Auf dem Heimweg jedenfalls ein Kaffee bei Statoil (Tankstelle. Mir sind norwegische Tankstellen ja allgemein nicht so geheuer, das dürfte einigen auch bekannt sein ) und ein Elch am Fahrbahnrand. Womit das Klischee Nr. 1 schon mal bestätigt wurde. Ja, ein Elch. Da habt ihr euer Bilderbuch-Norwegen. Kein Hirsch. Ein richtiges Monstrum mit Geweih. (Frank jagt die aber auch gern im Herbst und brät die dann. Lecker.)

Um 2 dann zuhause, ab in die Falle und dann erstmal Schlaf nachholen. Herrlich war das.

Zunächst was zu meinem neuen Zuhause. Natürlich ein drolliges norwegisches Holzlattenhäuschen. (Ich liebe diese Dinger. Vor allem die roten. Aber leider ist meins weiß.) Mein Zimmerchen umfasst ganze 10 m², Decke, Wände, Boden komplett aus Holz, einen großen Fernseher (nur norwegische Programme, aber das macht ja nichts, kommt eh nur Müll im deutschen TV - gibt’s auch nur im Wohnzimmer), ein Regal, ein Schreibtisch, ein Schrank, ein großes Fenster mit Blick in den Garten und auf weitere bunte Häuschen. Zudem ein selbstgepflücktes Margaritensträußlein von Leonie und ein selbstgemaltes Bildchen von Marlene an der Pinnwand. Hallo Romina. Fein.

Womit wir auch schon bei der Familie wären. Bombenfamilie übrigens. Diese beinhaltet:

Zunächst Frank, 40 Jahre alt (hat am selben Tag Geburtstag wie ich. Das ist schon witzig, aber noch kurioser ist, dass fast die ganze Familie innerhalb der ersten Septemberwoche Geburtstag hat. Freu mich schon aufs Marathon-Kuchenbacken in zwei Wochen.). Frank kommt ursprünglich aus Gießen, hatte aber Deutschland satt - gleich mal schön ins Fettnäpfchen gesetzt, als ich unwissend damals im März meinte, dass Freiburg wunderschön sei, es gäbe ja auch viel grausigere Städte wie Bochum oder eben Gießen. Ups.  Aber er teilte meine Meinung und genommen haben sie mich ja trotzdem.  - jetzt Tiefbauingenieur in Oslo, unter der Woche mit dem Motorrad dort und nur am Wochenende zuhause. Außerdem wie oben genannt leidenschaftlicher Rockmusik-Hörer, und das gerne rund um die Uhr, auch beim Ikea-Schrank-Aufbau.

Dann haben wir da Tonje, Mutter und Norwegerin. Spricht aber so perfekt deutsch, dass ich anfangs gar nicht wusste, dass sie Norwegerin ist. Schulpsychologin und stadtaktiv. Und bäckt unglaublich geniale Canelboller (Zimtschnecken).

Und schließlich die drei Töchter. Sowas von süß. Marlene 10, Leonie 4 und Emma 2. Natürlich alle strohblond, außerdem top erzogen. Die Kids wachsen zweisprachig auf, was bei ersten beiden schon relativ gut funktioniert. Die Kleinste hat noch Übungsbedarf - dafür bin ich ja da - und mixt die Sätze gern. Da hört man dann schon mal: “Kan du gi mir ein Potet?“ (Kannst du mir eine Kartoffel geben?) Marlene ist bekennender Hannah-Montana-Fan (die gibt‘s ja überall - diese Miley Cyrus muss sich dumm und dämlich verdienen) und Leonie und Emma kleben förmlich an mir und wollen entweder ständig bei mir oder am besten gleich auf mir sitzen. Da gibt’s dann schon mal Galama, wer auf welchem Bein von mir Platz nimmt. Daher auch die ständigen Streits am Esstisch, weil ich nun mal nur zwei Beine zum Draufsitzen habe oder nur zwei Stühle neben mir. Blöd, so was. Wir bräuchten einen runden Esstisch und ich mehr Beine.

Soviel mal zu heute. Wenn ich dazu komme, geht’s morgen weiter.

Mange hilsen fra Norge,

Romy

1 Kommentar 14.8.09 23:44, kommentieren